Globalisierung: Occupy gegen den Kapitalismus

Gewaltfreier Widerstand

Dorothy Day Bei fortschreitender Globalisierung erkennt man eine immer weitere Totalisierung des Kapitals im Weltmaßstab. Eine Kritik des Kapitalismus, der Marktwirtschaft, der Herrschaft der Aktiengesellschaften ist die Folge. Die aktuelle gewerkschaftliche Frage ist hier „auf welcher Seite stehst du?“, und die sozialistische Antwort scheint eindeutig, dass die Welt „von unten“ betrachtet werden muss. Occupy und Blockupy richten sich sehr stark gegen das Kapital, aber eine Hinterfragung des Materialismus ist nur selten und verirrt sich dann oft in einer Neo-Esoterik. Libertäre beteiligen sich aktiv an der „res publica“, ohne Macht- und Leitungspositionen anzustreben. Gegenstand libertärer Kritik sind nicht die Produktions-, sondern die Herrschaftsverhältnisse. Das beinhaltet neben der Politikkritik auch eine Technologie- und Wissenschaftskritik.

Moralische Sieger

Das historische Denken ist auch immer ein Andenken an die großen Verlierer der Geschichte, die aber moralisch die Sieger blieben. Eine gewaltfreie und herrschaftslose Gesellschaft ist keine Utopie, sondern eine Perspektive, sie ist kein Ziel, sondern eine Methode des Denkens, insbesondere im Handeln durch gewaltfreie Aktionen oder alternative Lebenspraxis. Dabei ist die politische Methode die Aufklärung, nicht aber die Parteibildung. Sie ist immer wieder auch ein intellektuelles Vergnügen. Nicht zuletzt auch daran mag es liegen, dass man in libertären Kreisen selten auf griesgrämige Gesichter trifft.

Gewaltfreie Minderheit

Es geht um eine Gesellschaftsveränderung durch die vielschichtigen Formen und Methoden gewaltfreier Aktionen und herrschaftsloser Bildung von Gemeinschaften. Die Gewaltfreien sind eine Minderheit in der Gesellschaft. Sie konnten aber schon immer durchaus wichtige gesellschaftliche Prozesse in Gang bringen. Nach wie vor sind die Bürger- und Menschenrechte und die Errungenschaften der alten Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung von Bedeutung und sie müssen verteidigt werden gegen eine neoliberale kapitalistische Globalisierung.

Eine Kultur des Friedens

Ein kommunitäres Leben hat eine kulturelle und lebensformende Bedeutung. Neue Formen des Zusammenlebens sind Landkommunen, Wohngemeinschaften, selbstverwaltete oder sogar assoziative Unternehmungen nur Beispiele für alternatives Leben und Arbeiten. Das sind Ausgangsorte für eine Kultur des Friedens und der Gewaltfreiheit. Denn wenn der Staat von Ordnung redet, ist Herrschaft gemeint. Dahingegen wurzelt ein Gemeinwesen in der Solidarität, sozialen Gerechtigkeit, der gegenseitigen Hilfe, der Toleranz und der Zusammenarbeit von Menschen.

Ein gewollt falsches Bild

Es ist kein Wunder, dass der Staat oft ein Bild zeichnet von gewalttätigen Anarchisten und auch linke oder sozialistische Parteien dies leicht aufgrund ihrer Akzeptanz von Hierarchien dieses aufnehmen und verbreiten. Jedoch sind libertäre oder anarchistische Aktionen stets gewaltfrei, auch wenn eine gewaltfreie Verteidigungshaltung noch oft geübt werden muss. In libertären Strategien stehen an erster Stelle gewaltfreier Protest und argumentative Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit legale Formen der Nichtzusammenarbeit ziviler Ungehorsam, z. B. Boykottaktionen, Streikaktionen, gewaltfreie Intervention.

Antiklerikal statt Religionsunterdrückung

Es ist ein Verdienst der libertären Bewegung auf religiöse gewaltfreie und libertäre Wurzeln hinzuweisen, besonders auf christliche und islamische, wie z. B. auf den libertären Philosophen Martin Buber, auf Abdul Ghaffar Khan oder auf Mahmud Taha, den „Gandhi des Sudan“. Vorbild für einen christlichen Anarchismus ist immer wieder Leo Tolstoi und Dorothy Day. So verurteilt die libertäre Einstellung weit weniger die Religionen, als die kommunistische oder sozialistische. Jedoch ist eine libertäre Einstellung hier immer antiklerikal, wobei dieses „Anti“ die Herrschaftslosigkeit bedeutet entgegen einer herrschaftlichen Unterdrückung des religiösen in linken Positionen, was wiederum auf ein beherrschen-wollen hinweist. Es sind meistens Ketzer und Dissidenten, die einen Ausgleich der Religionen betonen und schärfste Verfolgungen von „offiziellen“ Religionsinterpretationen erleiden müssen. Diese sind meist mit einer staatlichen Macht verbunden, die auch jede Partei anstrebt.

Kein naives Menschenbild

Konflikte werden sich nie vermeiden lassen und es kommt darauf an, Aktionsmethoden zu entwickeln und anzuwenden, die nicht auf Gewalt beruhen und dennoch nicht in eine Friedlichkeit gezwungen werden. Grundlegend für die Gewaltlosigkeit ist die Achtung gegenüber dem Menschen. Zu überwinden ist nicht nur die kapitalistische Gesellschaft, sondern auch der Materialismus. Doch auch dann ist eine Achtung gegenüber dem Menschen nicht gewährleistet, wenn dem Materialismus ein Existentialismus folgt. Viele kennen die Werbung, in der ein Mann dem anderen Fotos auf den Tisch knallt:„Meine Frau, mein Haus, mein Auto, mein Boot.“ In einer Persiflage zu diesem Werbespot dreht sich der andere Mann um, zieht sich die Hose herunter und sagt (in weniger zurückhaltender Sprache): „Mein Hinterteil.“

Dies ist Materialismuskritik. Im Existentialismus würde sich die Szene wie folgt abspielen: „Mein Denken, meine Emotionen, meine Liebe, meine Spiritualität.“ Auch hier könnte der andere genau so antworten, als Mensch, der nun seine Emotionen, sein Denken, seine Liebe und seine Spiritualität unter Beweis zu stellen hätte: „Mein Hinterteil.“

Wir sind alle Menschen. Es wäre naiv anzunehmen, dass sich nicht immer im Privaten solche Szenen abspielen könnten. Selbst dann nicht, wenn man davon ausgeht, dass auch alles private politisch ist oder die Grenzen zwischen beiden Ebenen durchlässig sind. Zu glauben, die Menschen könnten sich, wie auch immer, evolutionär innerhalb kurzer Zeit zu solchen Idealmenschen entwickeln, öffnet dem Totalitären Tür und Tor. In der politischen Diskussion, im politischen Leben hat dieses „Meins“ jedoch nichts zu suchen, denn es beinhaltet immer Herrschaftsansprüche und positioniert Machtverhältnisse in materieller sowie in nicht-materieller Hinsicht.

Uwe Koch