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Lohnspreizung in Deutschland offenbar so groß wie in Großbritannien

Niedrig- und Spitzenlöhne

Nach Darstellung einer von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Studie gibt es in Deutschland inzwischen eine gewaltige Schere zwischen extrem niedrigen und extrem hohen Löhnen. Deutschland sei in dieser Hinsicht vergleichbar mit Großbritannien und sogar mit den USA. Während der 1990er Jahre habe der Abstand von niedrigen zu mittleren und hohen Löhnen in Deutschland sehr stark zugenommen. Mittlerweile sei die so genannte "Lohnspreizung" größer als in vielen anderen nord- und westeuropäischen Ländern, so das Ergebnis des Wuppertaler Professors für Volkswirtschaftslehre, Ronald Schettkat. Gleichzeitig sei die Arbeitslosigkeit unter Personen ohne Berufsabschluss in Deutschland erheblich gestiegen. "Die Entwicklung steht im Widerspruch zur verbreiteten These, dass gering Qualifizierte bessere Beschäftigungschancen haben, wenn ihre Löhne vergleichsweise niedrig sind." Dieser Widerspruch sei kein Einzelfall. Auch in anderen europäischen Ländern oder in den USA lasse sich "kein Beleg dafür finden, dass eine geringe Lohnspreizung Arbeitsplätze im Niedriglohnbereich vernichtet - wohl aber zahlreiche Indizien, die diesem Zusammenhang widersprechen".

In der Untersuchung analysiert Schettkat den aktuellen Stand empirischer Forschung zum Zusammenhang von Lohnspreizung und Beschäftigung. Dabei zeige sich: Schon die Behauptung, Tarifsystem und staatliche Transfers führten in Deutschland zu einer besonders "komprimierten" Struktur der Löhne, die wiederum die Arbeitsmarktchancen von gering Qualifizierten schmälere, sei längst überholt: "Die Diagnose einer relativ engen, stabilen deutschen Lohnstruktur beruht offenbar auf einer Begrenzung der Analysezeitraumes bis Mitte der 1990er Jahre einerseits und auf einer Eingrenzung des analysierten Personenkreises auf vollzeiterwerbstätige Männer andererseits", schreibt Schettkat.

Tatsächlich aber arbeiteten in Deutschland überproportional viele Frauen und Teilzeitkräfte für Niedriglöhne. "Wer diese Gruppen ausklammert, kann den Niedriglohnsektor in Deutschland nicht richtig erfassen."

Ein nach Schettkats Analyse realistisches Bild liefere die europäische Statistikbehörde Eurostat. Die Statistiker der EU untersuchten 2005 die Lohnstrukturen in den Mitgliedstaaten. Dabei verglichen sie die zehn Prozent der niedrigsten Arbeitseinkommen mit jenen, die auf der Lohnskala im oberen Zehntel rangieren. Deutschland sei demnach gleichauf mit Großbritannien gelegen, dem Land, das, so Schettkat "bisher als Spitzenreiter hinsichtlich der Lohnspreizung in Westeuropa galt." Setze man die untersten zehn Prozent mit den mittleren Einkommen ins Verhältnis, weise Deutschland sogar die größte Spreizung in Westeuropa auf.

Deutschland im Vergleich mit den USA

Auch im Vergleich zu den Vereinigten Staaten erscheine die deutsche Lohnstruktur nicht "gestaucht". In den USA gebe es zwar insgesamt betrachtet eine größere Lohnspreizung. Doch diese beruhe auch auf einer großen Spanne innerhalb der Spitzeneinkommen. "Der Lohnabstand zwischen ungelernten Arbeitnehmern und ihren Kollegen mit Berufsausbildung ist in Deutschland deutlich größer als in Amerika", so Schettkats Analyse. Im unteren Lohnbereich lägen sowohl der gesetzliche US-Mindestlohn "als auch das als faktischer Mindestlohn geltende Arbeitslosengeld II in Deutschland" ungefähr gleich hoch - bei einem Drittel des Durchschnittslohns.

Amerikanische Untersuchungen fänden zudem keinerlei Belege dafür, dass zu hohe Löhne einfache Beschäftigung verhinderten. So sei in den 1980er Jahren die realen US-Mindestlöhne gesunken, der Anteil gering Qualifizierter an den Beschäftigten aber dennoch nicht angestiegen. "Wenn sich der US-Mindestlohn hingegen erhöhte, ging das nicht mit Beschäftigungsverlusten einher." Stattdessen sei die Lohnverteilung zusammengerückt. "Die höhere Dichte nach Anhebung der Mindestlöhne ist ein Indiz dafür, dass Jobs mit Löhnen unterhalb des neuen Mindestlohns nicht einfach wegfallen, sondern vielmehr auf den Mindestlohn angehoben werden", so Schettkat.

Die Ergebnisse legen nach Auffassung von Schettkat nahe, dass nicht die deutsche Lohnstruktur die überproportionale Arbeitslosigkeit unter gering Qualifizierten verursache. Entscheidend sei vielmehr ein anderer Faktor. Der technische Fortschritt erfordere immer mehr qualifizierte Arbeit. Deshalb würden in allen hoch industrialisierten Volkswirtschaften weniger Menschen mit geringerer Ausbildung beschäftigt.

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