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Kinderarmut in Deutschland

Hartz-IV und gesunde Ernährung

Bundesweit haben die Ergebnisse des 3. Armuts- und Reichtumsberichts (2008) der Bundesregierung und auch die Studien z. B. des Robert-Koch-Institutes zum Ernährungszustand von Kindern und Jugendlichen in Deutschland zu heftigen Diskussionen in der Öffentlichkeit geführt.

Kinderarmut in Deutschland

Es häufen sich Feststellungen in Schulen und Kindertagesstätten, dass Kinder ohne warme Mahlzeit bleiben. Eine häufige Ursache sind finanzielle Schwierigkeiten der Familien.

Das ist für LehrerInnen, ErzieherInnen und SozialarbeiterInnen nicht mehr zu übersehen.

Denn immer mehr Kinder in der Bundesrepublik kommen ohne Frühstücksbrot in die Schule oder in die Kita und können dort auch kein warmes Mittagessen bezahlen. Wen Hunger quält, der kann nicht unbeschwert lernen und spielen. Und wer nicht mit am gemeinsamen Mittagstisch mit den KlassenkameradInnen oder den SpielgefährtInnen Platz nehmen darf, der oder die gehört auch nicht richtig dazu.

Das Saarland, Rheinland-Pfalz, Niedersachen und Nordrhein-Westfalen haben 2007/ 2008 mit Bundesratsinitiativen Druck auf die Bundesregierung ausgeübt, die Regelsätze für Kinder zu verändern, bezüglich der spezifischen mit Schule und Kita zusammenhängenden Bedarfe und deren Struktur.

Auch viele Kommunen in den Bundesländern haben Initiativen ergriffen, um Kindern eine kostenfreie oder kostengünstige Teilnahme am Schulessen zu ermöglichen.

Und dann sprach das Bundesverfassungsgericht am 09.02.10 zu einer Regelsatzklage ein Urteil: Der Erste Senat des Bundesverfassungsgerichts hat entschieden, dass die Vorschriften des SGB II, die die Regelleistung für Erwachsene und Kinder betreffen, nicht den verfassungsrechtlichen Anspruch auf Gewährleistung eines menschenwürdigen Existenzminimums aus Art. 1 Abs. 1 GG in Verbindung mit Art. 20 Abs. 1 GG erfüllen.

Bestimmte Ausgabepositionen, zum Beispiel die Abteilung 10 (Bildungswesen), blieben völlig unberücksichtigt, ohne das dies von der damaligen Bundesregierung begründet worden wäre. Frau von der Leyen glaubt, den Auftrag des Bundesverfassungsgerichts durch die Bildungscard erfüllen zu können, doch sie irrt sich gewaltig. Denn die Bildungscard erfüllt nicht die zentrale Forderung der Karlsruher Richter nach einer Korrektur der Berechnungsgrundlage der Regelsätze. Und sie ändert auch nichts daran, dass die Kinderregelsätze insgesamt viel zu niedrig berechnet worden sind.

Frau Ursula von der Leyen hat die die Chance verpasst, ein neues soziales Denken zu entwickeln. Die Regelsätze für Kinder wurden nicht auf den Prüfstand gestellt. Dabei sind die bisherigen Regelsätze völlig unzureichend, und zwar in allen Lebensbereichen, von gesunder Ernährung über ausreichende Kleidung bis hin zu kultureller Teilhabe. Doch diese Fragen hat die Ministerin mit ihrer Bildungscard nicht gelöst.

Die Regelsätze für Kinder sind insgesamt zu niedrig:

Jahre Monat
0-6 Jahre 79,55 € /Monat, das sind 2.65 € /Tag
6-13 Jahre 92,87 €/Monat, das sind 3.10 € /Tag
Ab 14 Jahre 106,91 €/Monat, das sind 3.54 € /Tag

Damit müssen alle Mahlzeiten und auch das Trinken eines ganzen Tages abgedeckt werden.

Wirklich wenig Geld um den Nahrungsbedarf eines heranwachsenden Kindes abzudecken.

Das die Bildungscard insgesamt versagt hat-auch in Bezug auf das kostengünstige Mittagessen für „bedürftige“ Kinder- wird deutlich, weil die Bildungscard wenig beantragt wird.

Nur etwa jede vierte Familie, die Anspruch auf Unterstützung hätte, beantragte bisher das Bildungspaket der Bundesregierung. Deshalb haben sich am 05.06.2011 die Politiker in Berlin schon zum zweiten Mal getroffen, um darüber zu sprechen, was man unternehmen muss, damit das Bildungspaket auch wirklich bei betroffenen Familien ankommt.

Zum einem sind die Anträge viel zu kompliziert und zum anderen empfinden es viele betroffene Eltern als peinlich, weil sie sich und ihre Kinder dann als Familien in prekären Lebenslagen outen müssen.

Auch das Abrechnen ist nicht einfach: Wenn z.B. ein Kind in einen Sportverein gehen will, dann muss es zum Beispiel sagen: Lieber Verein, meine Eltern beziehen Hartz IV - stell bitte eine Rechnung. Die wird dann von der zuständigen Stelle in der jeweiligen Stadt bezahlt. Und wenn man für sein Kind Nachhilfeunterricht über die Bildungscard beantragt, dann wird nur Nachhilfe gewährt, wenn die Kinder versetzungsgefährdet sind- sonst nicht!

Auch wenn Eltern für ihre Kinder das kostengünstige Mittagessen über die Bildungscard beantragen wollen, müssen sie sich outen.

Das alles führt dazu, dass viele Familien keinen Antrag für das Bildungspaket stellen. Wissenschaftler sollen jetzt herausfinden, welche Familien das sind. Außerdem sollen Schulen, Kindergärten und Vereine besser über das Bildungspaket informiert werden.

Zusätzliche Kosten also!

Fakt ist auch, wenn Eltern z.B. das kostengünstige Mittagessen für einen Euro aus dem Bildungspaket beantragen und Land und Kommune haben sich selbst schon gekümmert (z.B. Sozialpass), dann wird diese Subvention von Land u. Kommune für die betroffenen Kinder als Einkommen angerechnet und konterkariert gesetzlich somit die Hilfen von Land und Kommunen.

Kompliziert für Eltern und Kommunen, der Verwaltungsaufwand enorm!

Keine Frage es gibt es zu den Einzelheiten derartiger Unterstützungsmaßnahmen noch viele Sachverhalte, die zu klären wären und die wahrscheinlich auch so manche Kontroverse auslösen können. Das fängt schon beim Kreis der einzubeziehenden Kinder und Jugendlichen an.

Sollen nur EmpfängerInnen von Transferleistungen bedacht werden oder müssen nicht auch die vielen NiedriglohnempfängerInnen, deren Arbeitseinkommen häufig nur knapp über den Grenzen für staatliche Unterstützung liegt, und die ebenfalls größte Schwierigkeiten haben, ihren Kindern alle für die Schule notwendigen Dinge und das Schulessen zu finanzieren, einbezogen werden. Wenn ja, wo setzen wir die Einkommensgrenzen an? Oder wollen wir für alle Kinder der Bundesrepublik eine Lösung finden?

Sollen die Kosten für das Mittagessen vollständig übernommen werden oder ist ein Zuschuss, der den Familien ein gewisses Maß an Würde und Eigenverantwortung lässt, besser? Sie sehen, liebe Leserinnen und Leser, das Ganze ist ziemlich kompliziert.

Doch Kinder sind die Zukunft eines jeden Landes- ohne Kinder hat kein Land eine Zukunft.

Deshalb sollte wirklich alles getan werden, damit unsere Kinder unbeschwert, gesund und in Würde aufwachsen können. Dabei ist die Mittagessenversorgung für die Kinder, wo es die Eltern aus irgendeinem Grund (meist finanziell) nicht packen- nur eine der vielen Baustellen, die Politik anpacken muß!

Eine weitere Baustelle :

In Deutschland sind laut IKK etwa 37 Millionen Erwachsene und rund zwei Millionen Kinder und Jugendliche übergewichtig oder sogar fettleibig. Ein Viertel der Erwachsenen leidet an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, und es gibt rund vier Millionen Diabetiker und Diabetikerinnen. Die Zunahme so genannter Zivilisationskrankheiten führt zu hohen Kosten im Gesundheitswesen. Allein Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursachen in Deutschland nach Angaben der Bundesregierung Behandlungskosten von 35 Milliarden Euro jährlich.

25 Milliarden Euro werden für die Behandlung von Krankheiten des Muskel- und Skelettsystems gebraucht.

30 Prozent aller Gesundheitskosten gehen auf ernährungsbedingte Krankheiten zurück. Sie betragen jährlich mehr als 70 Milliarden Euro.

Aus diesen Gründen rückt eine gesunde Lebensweise, Esskultur und auch die Ernährungs- und Verbraucherbildung in Kitas und Schulen immer mehr in den Fordergrund.

Zumal wir auch in der täglichen Werbung z.B. des Fernsehens mit ziemlichen irrrelevanten Werbespots zum Thema Ernährung für Kinder zu rechnen haben.

Da wachsen Fruchtsaftflaschen an Bäumen, statt Obst, da sind Gummibärchen so gesund, weil sie nicht tropfen und viele Vitamine enthalten und bestimmte Sorten Schokolade erhalten viele gesunde Zerialien.

Außerdem gibt es immer mehr Menschen in unserem Land die eine defizitäre Bildung im Bereich gesunder Ernährung, das Kennen gesunder Lebensmitteln, gesundes Kochen und Haushaltsführung haben.

Das Fehlen dieser Alltagskompetenzen zieht sich eigentlich durch alle Schichten der Bevölkerung. Jedoch können wirtschaftlich besser gestellte Familien dieses Defizit besser abfangen und kompensieren.

Eine starke Ausprägung eines gestörten Essverhaltens und fehlende Grundkompetenzen bei Kindern und Jugendlichen aus Familien mit niedrigem Sozialstatus und Migrationshintergrund wird in vielen Analysen herausgestellt.

Die Gesundheitsziele der einzelnen Bundesländer, diverse bundesweite Projekte und die Unterstützung der Schulen bei der Umsetzung der Qualitätsstandards der Schulverpflegung, sind zwar Schritte in die richtige Richtung, reichen aber bei weitem nicht aus.

Wir brauchen eine gezielte Ernährungsberatung von Anfang an- Kinder und Eltern müssen von Anfang an spielerisch einbezogen werden. Gesundheitsförderung muss als ganzheitliche Aufgabe und Prävention verstanden werden.

Die Kinder und auch die Eltern müssen wieder lernen ihren eigenen Körper positiv wahrzunehmen

Kinder und Eltern können in verschiedenen geförderten Projekten gesunde Ernährung lernen, ohne es selbst zu bemerken, nämlich spielerisch. Dadurch sind sie dann durchgängig mit Freude bei der Sache. Beiläufige Lernprozesse wirken am nachhaltigsten und können Verhaltensweisen grundlegend ändern. Das ist besonders wichtig mit Blick auf eine gesunde und ausgewogene Ernährung.

Kinder und auch Eltern müssen gerade in Sachen gesunder Ernährung heutzutage neu lernen, weil eben in dieser Frage häusliche oder zivilisatorisch bedingte Defizite vorliegen. Hier bietet sich ein pädagogisch verantwortungsvoller Medieneinsatz an, um Themen der Gesundheitsförderung spielerisch und kindgerecht umzusetzen:

  • Was macht mich krank
  • Was erhält mich körperlich und geistig fit
  • Rohkosterlebnisse
  • Wie schmeckt ein Apfel
  • Trinkerlebnisse
  • Kräutersammeln und gesund verwerten

können durch verschiedene Projekte unter Einbeziehung der Eltern, Kitas und Schulen zu einer neuen und gesunden Sichtweise führen.

Nur wenn sich der Kreis Gesunde Ernährung, Bewegung, Eltern Kinder, Kitas und Schule schließt, werden Synergieeffekte erzeugt die langlebig sind und zukunftsweisend Prävention für ein gesundes langes Leben einschließen.

Charme hätte es natürlich, nicht nur projektbezogen in den einzelnen Bundesländern finanziell zu fördern, sondern die Förderung bundesweit für alle Schulen und Kitas auszuweiten, um so eine bundesweite Prävention in Sachen Gesunder Ernährung und Bewegung von Anfang an zu erreichen.

Und zum Schluss noch ein Kommentar Aus: Neues Deutschland, 7. Juli 2011

„Jammern auf hohem Niveau, könnte man meinen, wenn man den UN-Bericht zur sozialen Lage in Deutschland überfliegt. Schließlich ist die reiche Bundesrepublik nur eines von 192 UN-Mitgliedern. Und wenn man an Armut und Diskriminierung denkt, fallen einem zuerst Staaten wie Afghanistan, Burkina Faso oder Ruanda ein. Aber Deutschland?

Die Armut hier hat andere Gesichter. Dennoch gibt es sie. Armut hierzulande ist nicht Unterernährung, sondern Fehlernährung. Ungesundes Junk Food statt Bio-Lebensmittel. Armut hierzulande ist nicht unbedingt Analphabetismus. Armut hier heißt Hauptschule oder Schulabbruch. Und Diskriminierung macht sich hier nicht in Form von Vertreibung oder Bürgerkrieg bemerkbar. In Deutschland erfolgen Benachteiligung und soziale Ausgrenzung von Minderheiten viel subtiler. Jeder türkischstämmige Deutsche in der zweiten oder gar dritten Generation kann ein Lied davon singen. Mal ist es eine Hauptschulempfehlung, die trotz guter Noten ausgesprochen wird. Mal ist es eine Polizeikontrolle, in die man gerät, weil man irgendwie anders aussieht.

Sicher kann man die Zustände in Deutschland nicht mit denen in Burkina Faso vergleichen. Es ist eine andere Art von Armut, deren Auswirkungen hier jeden Tag Millionen Kinder zu spüren bekommen. Aber Armut muss in all ihren Formen bekämpft werden. Hier und in Burkina Faso.“

Dem habe ich nichts mehr hinzuzufügen, liebe Leserinnen und Leser.

Heidelinde Penndorf

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