Ärzte ohne Grenzen fordern: G8-Staaten müssen Versprechen umsetzen

Zum G8 Gipfel in Kanada

Die "Neue Partnerschaft für die Entwicklung Afrikas" (NEPAD), eine Initiative reformorientierter afrikanischer Staaten, kann von der Bundesregierung maßgebliche Unterstützung erwarten. "In diesem und im nächsten Jahr werden insgesamt rund 110 Millionen Euro bereit stehen, um dieser Vision von einem neuen Afrika Schwung zu verleihen", erklärte Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul am Vortag des G-8-Gipfels in Kanada, wo ein Afrika-Aktionsplan beschlossen werden soll. "Wir fördern damit afrikanische Eigenanstrengungen, vor allem in den Bereichen Krisenprävention, Wirtschaftsförderung, Bildung und Gesundheit", betonte Wieczorek-Zeul. Die Regierungen der G8-Staaten müssen ihren Ankündigungen endlich Taten folgen lassen und den Zugang zu effektiven und bezahlbaren Medikamenten in Entwicklungsländern sicherstellen. Dies fordert die internationale medizinische Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ anlässlich des G8-Gipfels in Kanada.

Ein Drittel der Weltbevölkerung verfügt heute über keinen angemessen Zugang zu wichtigen Medikamenten, in einigen Ländern Afrikas trifft dies sogar auf 50 Prozent der Bevölkerung zu. Für die große Mehrheit der HIV-Infizierten außerhalb der G8-Staaten ist eine Behandlung mit den gängigen antiretroviralen Medikamenten ein unerreichbarer Traum. 20 Jahre nach dem Ausbruch der Aids-Epidemie ist die Verbreitung der Krankheit noch immer nicht eingedämmt: 20 Millionen Menschen sind bereits gestorben, weitere 40 Millionen sind heute weltweit HIV-infiziert. Nur ein Bruchteil der Infizierten und Kranken hat Zugang zu einer Behandlung.

Nach Schätzungen der Vereinten Nationen werden allein zur Bekämpfung von Aids weltweit zehn Milliarden US-Dollar jährlich benötigt. Für das Jahr 2002 jedoch haben die Regierungen der G8-Staaten gerade einmal 580 Millionen US-Dollar bewilligt. Diese Summe entspricht einem Fehlbetrag von fast 96 Prozent. "Dieses politische Versagen ist beschämend. Der Globale Fond verfügt über zu wenig Geld. Zudem hat er keine klaren Richtlinien, die sicherstellen, dass preisgünstige Generika von hoher Qualität den teureren, patentierten Originalpräparaten beim Einkauf von Medikamenten vorgezogen werden", erklärte der Arzt James Orbinski, Vorsitzender der Arbeitsgruppe für vernachlässigte Krankheiten bei „Ärzte ohne Grenzen“. Durch den Kauf von Generika könnten mit der gleiche Summe öffentlicher Gelder dreimal so viele Patienten mit antiretroviralen Medikamenten behandelt werden.

Parallel zur Finanzierung müssen die G8-Staaten nach Ansicht von ÄRZTE OHNE GRENZEN Ausnahmen zu Patentrechten gewährleisten, wie dies von der WTO-Ministerkonferenz in Doha im November 2001 gefordert worden war. Die G8-Staaten sollten den Entwicklungsländern zudem volle politische und technische Unterstützung geben, damit diese ihre Kapazitäten zur Produktion von wichtigen Medikamenten erhöhen und verbessern können. Dies bedeutet eine umfassende Strategie zum pharmazeutischen Technologietransfer in Entwicklungsländer. Nur so könne eine nachhaltige Versorgung mit Qualitätsmedikamenten sichergestellt werden.