Journalisten halten Wahlumfragen für schädlich

63 Prozent könnten sich Manipulationen vorstellen

55 Prozent der deutschen Bundespressekonferenzmitglieder sehen Wahlumfragen für ihre Arbeit zwar als "hilfreich", allerdings glauben auch 83 Prozent, dass sich die Veröffentlichung von Umfrageergebnissen auf das Wählerverhalten auswirkt. Zu diesem Ergebnis kommt Frank Brettschneider, Kommunikationswissenschaftler an der Universität Augsburg, der die 713 Mitglieder der Bundespressekonferenz nach ihren Einstellungen zu Wahlumfragen befragt hat. Dies berichtet der Informationsdienst der Wissenschaft (IDW) in einer Aussendung.

Von diesen 83 Prozent halten 42 Prozent den Einfluss von Wahlumfragen für "negativ", nur elf Prozent finden ihn "positiv". Diejenigen, die den Einfluss als "negativ" empfinden, sprechen sich zu 94 Prozent für ein Veröffentlichungsverbot in der letzten Woche vor der Wahl aus. Zudem sind insgesamt 20 Prozent der Bundespressekonferenzmitglieder der Meinung, dass Umfrageinstitute häufiger ihre Ergebnisse manipulieren, um ihrem Auftraggeber Vorteile zu verschaffen. 63 Prozent sagen, dies komme vor, sei aber die Ausnahme.

70 Prozent der deutschen Befragten sind überzeugt davon, dass man mit Hilfe von Umfragen die Einstellungen der Bevölkerung zu politischen Themen, zu Parteien und zu Politikern messen kann. Ein Drittel der befragten Journalisten verwendet selbst Wahlumfragen "häufig" als Zusatzinformation in der politischen Berichterstattung, 50 Prozent greifen "manchmal" auf Umfragen zurück, 22 Prozent arbeiten "selten" oder "nie" mit Umfragen.

Im Gegensatz zur Meinung der Journalisten seien Auswirkungen von Umfragen auf die Wahlbeteiligung bislang aber weder in Deutschland noch in den USA - wo sie umfangreicher und besser untersucht wurden - nachgewiesen worden, erklärte der Kommunikationswissenschaftler. Ein Großteil der Wähler verfolge zwar mit zunehmender Aufmerksamkeit Umfragen, lässt sich laut Umfrage aber kaum davon beeinflussen. Nur ein sehr kleiner Teil der Wähler, vor allem Wähler von kleinen Parteien liessen sich durch Umfragen gering zu "taktischen" Entscheidungen verleiten.

Brettschneider hatte seit 1980 auch für die deutschen Bundestagswahlen die Medienberichterstattung in den jeweils drei Monaten vor der Bundestagswahl einer Inhaltsanalyse unterzogen. Und schließlich wurde ebenfalls für die Bundestagswahlen seit 1980 anhand repräsentativer Wahlumfragen die Wirkung veröffentlichter Umfrageergebnisse auf die Wahlbeteiligung und auf die Stimmabgabe zugunsten einer Partei untersucht.