Bischöfe kritisieren "Gesundheitswahn"

Fitness, Wellness, Tötungsmaschine

Spitzenvertreter der großen Kirchen in Deutschland haben zum Auftakt der bundesweiten ökumenischen "Woche für das Leben" vor "Gesundheitswahn" und der Ausgrenzung Behinderter gewarnt. Der stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Heinrich Mussinghoff, kritisierte am 5. April in Würzburg, die Sorge um äußerliches Wohlbefinden und körperliche Fitness nehme mittlerweile einen derart breiten Raum ein, "dass man schon von Gesundheitsreligion sprechen kann". Man wolle den Menschen nicht ihren Wellness-Urlaub schlecht reden, so Mussinghoff. Es gehe um eine andere Problematik: "Wenn die Sorge um äußerliches Wohlbefinden und körperliche Fitness einen derart breiten Raum einnimmt, dass man schon von Gesundheitsreligion sprechen kann, dann verschiebt sich allmählich das Bild vom Menschen." Der körperliche und mentale Leistungsträger werde zum "Normalfall", dem nicht nur die Werbung gesteigertes Interesse entgegenbringe. "An ihm richtet sich allmählich die ganze Gesellschaft aus", kritisierte der Bischof. "Denn wieso – so stellt sich dann eine Frage, die in den 20er Jahren diskutiert und in der NS-Zeit konkrete Politik wurde – müssen Mittel von der Gemeinschaft aufgebracht werden für Menschen, die nichts Produktives für sie leisten?"

Der Begriff von Gesundheit werde "in inakzeptabler Weise verkürzt, wenn man ihn ausschließlich auf die äußere Dimension verengt", sagte Mussinghoff. Gesundheit umfasse aber das Wohlbefinden des ganzen Menschen, seinen inneren und äußeren Zustand.

Dieses Verständnis von Gesundheit habe viel mit Heilung zu tun. Ein Wort, in dem der Begriff Heil steckt. "Die Heilungsgeschichten des Neuen Testamentes verweisen beispielsweise neben der äußeren Gesundung immer auch auf die transzendente Dimension des Glaubens. Sie zeigen auf, dass die menschlichen Möglichkeiten begrenzt sind", sagte Mussinghoff. Dies gelte auch unter den Bedingungen der modernen Medizin. Sie könne Gebrechlichkeit, Alter und Unfälle nicht verhindern. Trotz aller Medikamente und Medizintechnik könnten nicht alle Krankheiten geheilt werden: "Der Mensch ist ein fragiles Wesen."

Zum anderen gehe es um die wichtige gesellschaftliche Dimension. "Auch diejenigen Menschen, die dem propagierten Bild von körperlicher und mentaler Fitness nicht entsprechen, gehören zu unserer Gemeinschaft. Es gehört zu unseren zentralen Aufgaben, diese Menschen in unsere Mitte zu nehmen und uns um sie zu sorgen", forderte Mussinghoff.

Huber: Die Sorge um die eigene Gesundheit ist heute ähnlich stark ausgeprägt wie in früheren Jahrhunderten die Sorge um das Seelenheil Bei einem ökumenischen Gottesdienst im Würzburger Kiliansdom mahnte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Wolfgang Huber, Gesundheit sei wichtig, aber es sei nicht richtig, sie zum Idol zu machen. "Wo es früher noch um das Heil der Seele ging, geht es heute nur noch um den heilen Körper", beklagte der Bischof. Die Sorge um die eigene Gesundheit sei heute ähnlich stark ausgeprägt wie in früheren Jahrhunderten die Sorge um das Seelenheil. "Zugespitzt formuliert: Der früheren Hoffnung auf die Erlösung über den Tod hinaus entspricht heute die Hoffnung auf die Erhaltung der Gesundheit und die Heilung von Krankheiten."

Mit dem Motto der Aktionswoche "Gesundheit - höchstes Gut?" stellten die Kirchen den "Gesundheitswahn unserer Tage" in Frage. "Es gibt keine Garantie ewiger Jugend. Und kein Mensch ist immerwährend gesund", sagte Huber.

Die Menschen hofften heute nicht mehr auf die Erlösung, sondern nur noch auf Gesundheit. "Wenn das nicht klappt, fordert man ein schnelles Ende", sagte der EKD-Ratsvorsitzende. Ohne Namen zu nennen, kritisierte er die "Tötungsmaschine" von Hamburgs Ex-Justizsenator Roger Kusch sowie die Schweizer Organisation Dignitas, die aus der Hilfe zum Suizid ein Geschäft mache. "Ich finde das erschreckend", betonte der Bischof. Es sei Zeit, sich wieder an Jesus zu erinnern, der sich auf die Seite der Leidenden gestellt und eine "Kultur des Helfens" in die Welt gebracht habe.

Huber: Weltweit werden ganze Länder vom medizinischen Fortschritt abgekoppelt, weil sie für Pharmafirmen wirtschaftlich nicht attraktiv sind

Die Fortschritte in der genetischen Diagnostik und der prädiktiven Medizin seien eine theologische, aber auch eine politische Herausforderung, so Huber. "In Zukunft könnten nach einem genetischen Screening Arzneimittel bestmöglich auf Patienten abgestimmt werden, es besteht aber auch die Gefahr, dass bestimmte Personengruppen von Versicherungen oder vom Arbeitsmarkt ausgegrenzt werden. Schlimmer noch, dass Menschen mit bestimmten Krankheiten auf subtile Weise das Recht auf Leben bestritten wird. Schon jetzt erleben wir in unserer Gesellschaft, dass mit der Verbesserung der Pränataldiagnostik und Präimplantationsdiagnostik Schwangere unter Rechtfertigungsdruck geraten, wenn sie ein behindertes Kind austragen wollen. Und weltweit, dass ganze Länder und Völker vom medizinischen Fortschritt abgekoppelt werden, weil sie für Pharmafirmen wirtschaftlich nicht attraktiv sind." Trotz des Wachstums im medizinischen Wissen bleibe es eine große Herausforderung, die Güter der Gesundheitsvorsorge und -fürsorge "gerecht zu verteilen", so Huber.

"Trotz aller Verheißungen der regenerativen Medizin, trotz aller Notwendigkeit einer guten Palliativmedizin – wir können uns selbst weder schaffen noch erlösen", sagte Huber weiter. Heute bestehe die Gefahr, dass Gesundheit zum "Produkt" der eigenen Lebensgestaltung, der medizinischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten werde. Ärzte würden zu "Vertragspartnern", bei denen man eine gelungene Operation, einen wiederhergestellten Körper einklagen wolle. Der Heilungsprozess werde nach Diagnosen berechnet und solle einem festgelegten Zeitschema folgen. Pflege werde zur "Dienstleistung", die man in einzelne Funktionseinheiten zerlegen kann. Die Orientierung an einem Produkt- und Kundenbewusstsein führe schließlich zu einer "Verrechtlichung, die am Ende auch das Recht auf einen guten Tod einzuschließen scheint", kritisierte Huber. "Visionen tauchen am Horizont auf, die uns in eine dunkle Zeit unserer Geschichte zurückverweisen: 'guter Tod – Euthanasie'.

Um zu uns selbst zu finden und die menschlichen Grenzen zu bejahen, brauche es aber Menschen, "die uns nicht wie Geschäftspartner gegenüber stehen, sondern die unsere Hoffnungen und unser Leiden teilen", so Huber. "Denen wir etwas wert sind, auch wenn wir nichts leisten, die Wunden verbinden und für Pflege sorgen wie der barmherzige Samariter." Wer die Leidenserfahrung eines anderen teile, spüre die eigene Begrenztheit und die eigene Ohnmacht. "Trotzdem haben viele Menschen die Erfahrung gemacht, dass solche Begegnungen eine spirituelle Dimension haben, die sie hellsichtig macht und ihre Leidenschaft für das Leben weckt."

Zollitsch: Die Gefahr, nur noch den Leistungsstarken in unserer Gesellschaft als vollwertig zu akzeptieren

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, sagte, Pillen und Cremes, Freizeit- und Wellnessangebote "in schier unübersehbarer Zahl" seien per se nicht verwerflich. Was aber sehr wohl kritisch betrachtet werden müsse, sei die übertriebene Betonung eines Gesundheitsbegriffes, der allein körperliches Wohlbefinden und ein makelloses Äußeres in den Blick nehme.

Gefördert werde diese Entwicklung auch durch "die um sich greifende Illusion, Schönheit und Jugend machen zu können, geistige und körperliche Leistungsfähigkeit jederzeit wieder herstellen zu können", so Zollitsch. "Das verkürzt den Begriff von Gesundheit in nicht akzeptabler Weise und birgt die Gefahr, nur noch den Leistungsstarken, der vor körperlicher Gesundheit strotzt, in unserer Gesellschaft als vollwertig zu akzeptieren." Solche Vorstellungen müssten nicht erst in ferner Zukunft befürchtet werden, wenn man an Äußerungen denke wie: "Operationen bei über 70-jährigen lohnen sich doch nicht mehr" oder noch schlimmer, so Zollitsch: "Es ist doch heutzutage nicht mehr nötig, ein behindertes Kind zur Welt zu bringen."

In Gesellschaften, in denen die Grundbedürfnisse sichergestellt seien, verschöben sich die Werte, sagte Zollitsch. Die Menschen würden anspruchvoller. "Selbstverwirklichungswerte treten in den Vordergrund und nehmen einen breiten Raum ein: Freizeit und Wohlbefinden, körperliche Leistungsfähigkeit und gutes Aussehen gewinnen an Bedeutung. Wenn die Sorge hierfür übertrieben wird, gerät die Akzeptanz für alle, die diesem Bild nicht entsprechen, in Gefahr."