Desinvestition: Der Impuls für die Energiewende

Christine Langkamp

Desinvestition. Das Konzept hat schon einmal funktioniert. In den 1970er und 1980er Jahren gab es eine starke Desinvestitionsbewegung in den USA und Großbritannien. Sie trug zum Sturz des südafrikanischen Apartheidregimes bei. Nach seiner Freilassung ist Nelson Mandela zu den Studierenden der University of California gereist, um ihnen die Hände zu schütteln und sich bei ihnen für ihr Engagement zu bedanken. Damals wie heute sind Studierende ein wichtiger Teil der Bewegung, denn gerade in den USA und in England sind die Universitäten mit ihrem Stiftungskapital mächtige Zielinstitutionen. Denn dieses Kapital unterstütze damals in Form von Aktien und Fonds das Apartheidregime.

Heute ist das Ziel der Desinvestitionsbewegung die fossile Brennstoffindustrie. Kohle. Öl. Gas. Der Name der Bewegung: Go Fossil Free.

Peak Oil, das absehbare Versiegen der fossilen Energieträger Kohle, Öl und Gas hat mittlerweile den Weg in das öffentliche Bewusstsein gefunden. Steigende Strom-, Benzin- und Gaspreise erinnern uns daran, dass wir von der klimaschädlichen Ausbeutung der natürlichen Ressourcen abhängig sind. Wir setzen auf eine Technologie ohne die im Alltag nichts geht! Dennoch werden Förderländer, Industrie und Politik nicht müde zu betonen, dass reichlich Reserven für viele Jahre vorhanden seien. Wie selbstverständlich unterstellen dabei alle, dass jeder gefundene Tropfen Öl auch verfeuert werden kann. Das jedoch ist ein Irrglaube.

Der US-amerikanische Journalist Bill McKibben nennt zum Beweis eine simple Zahl: Noch 565 Gigatonnen Kohlendioxid CO2 Ausstoß – mehr geht nicht. Mit seiner internationalen Kampagne 350.org versucht Bill McKibben die Zahl weltweit bekannt zu machen. Kennt man die Hintergründe der internationalen Klimapolitik, lässt sich die Zahl verstehen.

Nur ein Fünftel darf verbrennen

Einst hat sich die Politik mit dem Copenhagen Accord geeinigt: Die Erderwärmung soll auf 2° Celsius begrenzt werden. Das ist die oberste Grenze dessen, was das globale Ökosystem wahrscheinlich verkraften kann, ohne dass eine endgültige Katastrophe eintritt. Dabei sind schon heute die Folgen des Klimawandels deutlich sichtbar: die Gletscher schmelzen und das Eis der Polkappen geht rasend schnell zurück, der Meeresspiegel steigt kontinuierlich an. Die Berichte über extreme Unwetter, Dürren und Überschwemmungen häufen sich. In Deutschland kommen die “Jahrhundertfluten” im Abstand von elf Jahren.

Um eine Erderwärmung von 2°C nicht zu überschreiten und die absehbare globale Katastrophe zu verhindern, darf die Menschheit bis zum Jahr 2050 nur noch 565 Gigatonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre abgeben. Die fossile Brennstoffindustrie hat hingegen 2.795 Gigatonnen, also fünf mal so viel Kohlendioxid, in den heute bekannten Vorkommen registriert und will sie mit viel Profit verbrennen.

Peak Air

Vor diesem Hintergrund wird klar, dass es nicht um Peak Oil, das Versiegen der fossilen Rohstoffquellen gehen kann. Das eigentliche Problem heißt Peak Air! Die Grenzlinie zieht nicht die Ölreserve, sondern die Atmosphäre dieses Planeten.

350.org versucht mit dem Konzept Desinvestition frischen Wind in die Klimabewegung zu bringen. Politik und Industrie sollen zu verantwortungsbewusstem Handeln bewegt werden. Das Konzept basiert auf einer klassischen Wirtschaftssanktion. Die öffentlichen und privaten Haushalte sollen ihre profitablen, aber gleichzeitig zerstörerischen Investitionen und Geldanlagen aus der fossilen Brennstoffindustrie abziehen und gezielt in erneuerbare Energien investieren.

In Europa verfügen Hochschulen, Kommunen, religiöse Einrichtungen, Gewerkschaften, Stiftungen und Rentenfonds über erhebliches Kapital. Sie verdienen durch ihre Aktienbeteiligungen und Fonds an der endgültigen Zerstörung des Planeten mit. Wird das Kapital in großem Umfang abgezogen, verlieren die Unternehmen an Wert und Liquidität und können unter den nötigen Druck geraten, um eine klimaneutrale und nachhaltige Unternehmenspolitik zu erzwingen.

Erste Erfolge

Nach dem Kampagnenstart von Go Fossil Free in den USA, Australien und Neuseeland fasst die Idee nun auch in Europa Fuß. London und Amsterdam stehen beispielhaft für Desinvestitionskampagnen gemeinsam mit 350.org.

Inzwischen sind internationale Erfolge zu verzeichnen. So entschied sich sowohl der norwegische Pensionsfonds "Storebrand”, die niederländische Bank "Rabobank", die Kirche von England, die United Church of Christ (USA), als auch die Vereinigte Kirche von New South Wales (Australien) für eine konsequente Desinvestition.

Nachdem US President Barack Obama anfang des Jahres zusicherte, dass die USA durch die US Export-Import Bank keine ausländischen Kohlekraftwerke mehr finanzieren würde, beschäftigten sich weitere große Banken mit den Konsequenzen von “fossilen Krediten”. Inzwischen beschlossen die Weltbank und die European Investment Bank (EIB) auf die Finanzierung von Kohleprojekten zu verzichten. Des Weiteren sieht sich die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) von der Zivilgesellschaft, 350.org und Bankwatch dazu aufgefordert keine Kredite mehr an fossile Projekte zu vergeben. Auch die KfW, die Kreditanstalt für Wiederaufbau gerät zunehmend unter Druck, unter anderem durch Organisationen wie urgewald.e.V., die mit dem Dossier „Bitter Coal“ zu Deutschlands Steinkohleimporten das statistische und theoretische Wissen für die Bewegung liefern.

Die Stadt Münster als Vorreiter?

In Deutschland geben die Organisationen urgewald e.V. und klima-allianz deutschland der Kampagne Go Fossil Free Rückenwind. Nun ist die Universität Münster als erste Hochschule mit der Forderung des Allgemeinen Studierendenausschusses nach klimaverantwortlicher Desinvestition konfrontiert. Die engagierte Energiemanagerin der Universität Julia Gerding hat sich der Sache angenommen: “Ich unterstütze das Projekt zu 100%. Es macht wenig Sinn, wenn die Universität Münster auf Ökostrom setzt, dann aber ihre Geldanlagen in der fossilen Industrie hält. Wir sind nun in Gesprächen mit dem Kanzler Herrn Schwarte und hoffen auf seine Unterstützung.”

In der vergangenen Woche ging die Gruppe Fossil Free Münster einen weiteren Schritt und bringt die Kampagne auf Stadtebene. Der Petitionsstart Fossil Free Stadt Münster, ist nur eine Reihe von folgenden Aktionen zum Thema. So wie die Uni soll auch die Stadtverwaltung ihre Investitionen offenlegen, jede neue Investition in die fossilen Energien stoppen, alte “fossile” Verträge innerhalb der nächsten fünf Jahre beenden und ihr Investitionsportfolio ethisch-ökologisch ausrichten. Ca. 2500 Stimmen will die Initiative deswegen in kürzester Zeit sammeln.

Bill McKibben und sein Team wollen die Anfänge in Europa nun mit einer europäischen Vortragstour unter dem Titel “Go Fossil Free” weiter bestärken. Der herausragende Rhetoriker McKibben will die Klimabewegung sichtbarer und hörbarer machen. Statt jahrelang über die Wirtschaftskrise zu sinnieren, soll die Politik endlich die dringend notwendigen Entscheidungen treffen und verbindlich durchsetzen, um die katastrophale Erderwärmung einzudämmen. Am 27. Oktober 2013 wird McKibben in Berlin sprechen, weitere Termine finden sich unter: www.350.org. Dort gibt es weitere Infos zur Energiewende

Christine Langkamp