2050 könnten zwei Milliarden Autos das globale Klima aufheizen

Prognose

Auf dem internationalen "Zukunftspodium Automobil" in Luzern diskutierten am Mittwoch Experten die Zusammenhänge von Klimawandel, Ölreserven sowie notwendige neue Denkansätze zur Mobilität in Industrie und Gesellschaft. Nach Prognosen von British Petroleum werde der weltweite Fahrzeugbestand von heute rund 800 Millionen Autos bis zum Jahr 2050 auf rund 2 Milliarden Fahrzeuge steigen. Noch vor gut 40 Jahren betrug der globale Fahrzeugbestand erst 60 Millionen Autos. Zugleich werde die weltweite Energienachfrage bis zum Jahr 2030 um 60 Prozent zunehmen. Nach wie vor werde Erdöl dabei den größten Teil des globalen Energiebedarfs decken.

Steigende Ölpreise und Klimaerwärmung

"Erdöl wird es auch in diesem Jahrhundert zur Genüge geben", sagte Marcel Krämer, Generaldirektor von Britisch Petroleum (BP) Schweiz. Auf dem Zukunftspodium Automobil ließ Krämer jedoch offen, welchen Preis Öl eines Tages haben wird. Die Herausforderungen an Industrie, Politik und Gesellschaft seien gewaltig. Denn für die globale Erwärmung in diesem Jahrhundert bedeute der vermehrte CO2-Ausstoß laut Krämer einen prognostizierten Anstieg um bis zu fünf Grad Celsius und mehr. Dieser Entwicklung dürfe man nicht tatenlos zusehen, appellierte Krämer vor Vertretern der internationalen Industrie- und Finanzwirtschaft.

Die drohenden Umweltkatastrophen als Folge der zunehmenden globalen Erwärmung und steigenden CO2-Emission, "können wir uns derzeit nicht einmal ausmalen", warnte Krämer. Der Hurrikan Katrina habe lediglich "einen ersten Vorgeschmack geliefert". Um den globalen Temperaturanstieg auf 2 Grad Celsius zu begrenzen, dürfe es im Jahr 2050 nur ebenso viel an schädlichen CO2-Emissionen geben wie bereits heute.

Verantwortung der Autoindustrie Für den Branchenkritiker Daniel Goeudevert und ehemaligen Automobilmanager bei Citroën und Renault sowie früheren Vorstand bei Ford und Volkswagen sei eine Entschärfung des sich zuspitzenden ökologischen Problems neben der Politik auch Aufgabe und Verantwortung der Automobilindustrie. Das Antriebssystem für das Auto sowie eine drastische Verringerung der CO2-Emission werden hierbei entscheidend sein. Derzeit sehe Goeudevert bei immer mehr PS und steigendem Fahrzeuggewicht jedoch nur Halbherzigkeit. Die Branche sei eingeklemmt zwischen Absatzproblemen, Kostendruck, hohen Treibstoffpreisen und wachsendem Klimaproblem.

Solange die Klimaänderung nicht durch eine Katastrophe auch in Europa spürbar werde, "werden wir notwendiges Handeln weiterhin nur durch Geldspenden für die Opfer ersetzen" mahnte Goeudevert. Zwar besitze die Industrie die Fähigkeit, neue Konzepte auch wirkungsvoll umzusetzen, doch vermisse er "den tatsächlichen Willen". Nicht ohne Lob zugleich: "In Europa haben wir die mit Abstand besten Automobilingenieure. Wenn es gelingt, diese Engineering-Fähigkeit in zukunftsorientierte und dem Markt gerechte Produkte umzusetzen, dann sind wir wieder die Weltmeister".

Auswege bekannt aber wenig genutzt Es gebe erste Erfolge. So lief bisher der Ausstoß von CO2-Emissionen mit der steigenden Kilometerfahrleistung des Verkehrs synchron, nun sei es erstmals gelungen, diese Abhängigkeit zu entkoppeln und den Anstieg der CO2-Emission zu dämpfen. "Die Kurven Kilometerleistung und CO2-Emission driften langsam auseinander", sagte Detlef Frank, Vorsitzender des Berliner Instituts für Mobilitätsforschung ifmo. Dies sei "ein Schritt in die richtige Richtung", so Frank.

Trotz aller Anstrengungen der Autoindustrie, den Schadstoffgehalt der Abgase durch Katalysatoren und optimierte Motoren zu verringern und den spezifischen Verbrauch weiter zu senken, komme die Industrie nicht umhin, vollkommen neue Lösungen zu entwickeln, um eine ökologische und kreislaufgeführte, nachhaltige Mobilität zu erzielen. Wasserstoff als Treibstoff der Zukunft gelte hierbei langfristig als der attraktivste Weg. Die Technik dazu sei vorhanden, doch werde der Aufbau entsprechender Infrastrukturen viele Jahrzehnte dauern. Konsens bestand darin, dass es verstärkt Alternativen zum Erdöl geben werde, um den langen Weg bis ins Wasserstoffzeitalter zu überbrücken. Treibstoffe aus Biomasse würden hierbei schon heute ein hohes Potenzial bieten, das sich auch kurzfristig realisieren ließe. Eines jedoch sei heute schon sicher, sagte Frank: "Mobilität fordert künftig einen höheren Preis".