Neue Höchstwerte bei Chemie-Belastung in Getränkekartons

DUH-Untersuchung

Die Belastungen von Frucht- und Gemüsesäften in Kartonverpackungen mit der Druckchemikalie Isopropylthioxanton (ITX) erreichen nach Angaben der Deutschen Umwelthilfe (DUH) erheblich höhere Werte als bisher bekannt. Das gehe aus einer dritten Serie der von der DUH veranlassten Untersuchungen hervor. Als Spitzenkontamination sei jetzt ein Wert von 447 Mikrogramm pro Kilogramm (µg/kg) in einem beim SB-Warenhaus Kaufland vertriebenen Aloe-Vera-Drink im 0,75 l Karton (Verpackung: Elopak) gemessen worden. Damit lägen die Spitzenbelastungen um einen Faktor von fast neun über dem Grenzwert von 50 Mikrogramm pro Kilogramm. Insgesamt 11 von 25 in den vergangenen Tagen im Auftrag der DUH untersuchte Karton-Säfte enthielten den Angaben zufolge die Chemikalie ITX, die im Druckprozess zur raschen Trocknung der Farben auf der Verpackung eingesetzt wird.

Darüber hinaus habe ein bei Metro verkaufter Karton-Orangensaft "hohes C" in der 0,2 l "Kinderpackung" eine Belastung von 247 Mikrogramm pro Kilogramm aufgewiesen und ein "Gemüsesaft Tomate TIP TOLL IM PREIS" der Handelskette Real im 1-l-Karton enthielt 59 Mikrogramm ITX pro Kilogramm Saft (Verpackung in beiden Fällen: Tetra Pak).

Schwere Vorwürfe erhob Resch gegen die Verpackungshersteller Elopak und Tetra Pak. Beide Unternehmen seien über die ITX-Kontaminationen schon monatelang informiert gewesen, bevor diese im November 2005 erstmals in Italien öffentlich bekannt wurden. Elopak habe besorgte Fruchtsaftabfüller "mit abwiegelnden Schreiben hinters Licht geführt".

Gegenüber seinen Industriekunden habe das Unternehmen sogar geleugnet, dass ITX überhaupt in Fruchtsäfte gelange, so die Kritik der DUH. Tetra Pak habe die Aussagen der Europäischen Agentur für Lebensmittelsicherheit (EFSA) verfälscht zitiert und als "Persilschein für eine angebliche Unbedenklichkeit von ITX" uminterpretiert. Den habe aber die EU-Behörde aus Mangel an toxikologischen Studien ausdrücklich nicht ausgestellt, sondern im Gegenteil auf die fehlenden toxikologischen Tests hingewiesen.

Als "dreisten Versuch der Verpackungshersteller, sich aus der Verantwortung zu stehlen" bezeichnete Resch die der DUH aus Kreisen der Abfüller bekannt gewordene Praxis der Firmen Tetra Pak und Elopak, der Fruchtsaftindustrie nicht nur den entstandenen Schaden unverkäuflicher, ITX-belasteter Säfte nicht ersetzen zu wollen. Vielmehr säßen viele Abfüller darüber hinaus auf vollen Lagern ITX-haltiger Kartonagen. Statt diese zurückzunehmen und durch ITX-freie Ware zu ersetzen, verlangten die Verpackungshersteller die volle Bezahlung von der Fruchtsaftindustrie georderter einwandfreier Ersatzware.

Gleichzeitig kritisierte der Verband den zuständigen Verbraucherschutzminister Horst Seehofer. "Wenn Druckchemikalien in Rekordkonzentrationen in Karton-Säften und so genannten Wellness-Drinks auftauchen, ist das ein Fall für den Verbraucherschutzminister. Horst Seehofer muss endlich handeln", so DUH-Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch bei der Vorstellung der aktuellen Untersuchungsergebnisse. Solange Seehofer untätig bleibe, hätten die an diesem Chemieskandal unschuldigen Fruchtsaftabfüller kaum Chancen, sich den entstandenen Schaden von Tetra Pak, Elopak oder ihren Versicherungen ersetzen zu lassen.

Eva Leonhardt, Projektleiterin Kreislaufwirtschaft der DUH, erinnerte an die grundlegende Regelungslücke, die die ITX-Misere erst möglich gemacht habe. Weil es für die auf Getränkekartons aufgebrachten Druckchemikalien bisher keinerlei Vorschriften oder Grenzwerte gebe, fühle sich niemand verantwortlich. "Ohne gesetzliche Regelung werden ITX und andere Druckchemikalien nicht ausreichend untersucht. Daraus ziehen die Verantwortlichen den Schluss: Ohne Untersuchung keine Gesundheitsgefährdung, ohne Gesundheitsgefährdung kein Handlungsbedarf und keine Notwendigkeit für gesetzliche Regelungen.", so Leonhardt. Das Nachsehen habe der Verbraucher, der nicht wissen könne, ob er mit dem Wellness-Drink in einer Kartonverpackung auch noch einen kostenlosen Chemiecocktail zu sich nehme.