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Autozulieferer unterschätzen angeblich oft Kosten von Standortverlagerungen

Niedriglohnländer

Automobilzulieferer, die überlegen, Teile ihrer Produktion in Niedriglohnländer zu verlagern, treffen ihre Entscheidung nach Auffassung des Fraunhofer Instituts für System- und Innovationsforschung (ISI) nur selten auf der Basis "systematischer, breit angelegter Bewertungsmethoden". Nach Darstellung der Instituts-Mitarbeiter Steffen Kinkel und Christoph Zanker überwiegen bei den Unternehmen eher "sehr pragmatische, teilweise 'hemdsärmelige' Ansätze", mit denen eine Entscheidung anhand "relativ weniger Kriterien" getroffen werde. Deutsche Standorte seien in vielen Vergleichsrechnungen "bewusst" erst gar nicht als Alternative einbezogen, heißt es in einer von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Untersuchung. Die nach Auffassung der Wissenschaftler bestehenden Defizite bei der Entscheidungsfindung trügen auch dazu bei, dass Unternehmen die Schwierigkeiten und Kosten an Niedriglohnstandorten immer wieder drastisch unterschätzten.

Die Einschätzung des Fraunhofer Instituts beruht den Angaben zufolge auf der Basis von quantitativen Befragungen in knapp 200 Unternehmen und von zusätzlichen Intensivinterviews mit Managern und Betriebsräten in 12 Unternehmen.

Die Wissenschaftler unterschieden drei Betriebstypen in der Autozulieferbranche. Zum einen so genannte "Home based players". Diese Betriebe produzierten ausschließlich oder bevorzugt in Deutschland. "Kostenorientierte Auslandsproduzenten" investierten verstärkt in Niedriglohnländern, um ihre preisliche Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern.

Schließlich gebe es "Markt- und kundenorientierte Auslandsproduzenten". Diese bauten Werke im Ausland, um neue Märkte zu erschließen und um näher an ihre Kunden, die großen Automobilkonzerne, heranzurücken. Oft würden sie von den großen Autokonzernen sogar "dazu angehalten", den Standort ins Ausland zu verlagern.

Fraunhofer Institut: Egal ob in Deutschland oder im Niedroglohnland - die Umsatzrendite bleibt gleich

Beim Vergleich der Umsatzrendite fanden die Wissenschaftler offenbar "keine signifikanten Unterschiede zwischen den drei Gruppen". Betriebe, die auf den Produktionsstandort Deutschland setzten, seien daher "zumindest nicht schwächer als die beiden anderen Typen aufgestellt".

Auch seien "gerade kostenorientierte Auslandsproduzenten", die mit ihrer Verlagerungsstrategie auf "kurzfristige" Einsparungen zielten, im Mittel "sicherlich nicht überdurchschnittlich erfolgreich", so die Wissenschaftler.

"Anlaufzeiten unterschätzt"

Fallstudien zeigten, welche Faktoren die Lohnkostenvorteile vermeintlicher Billig-Standorte zunichte machen könnten. Häufig würden beispielsweise die Anlaufzeiten unterschätzt. Bis die Fertigung in punkto Qualität und Produktivität laufe wie geplant, dauere es oft doppelt so lange wie ursprünglich vorgesehen. In einigen der untersuchten Fälle sei die Verzögerung sogar noch erheblich größer gewesen.

Auch werde die Betreuung und Koordination ausländischer Produktionsstandorte oft teurer als gedacht. In der Anfangsphase könnten die Ausgaben zehn Prozent der Gesamtkosten ausmachen.

Zudem müssten Schulungskosten berücksichtigt werden. Die Qualifizierung der Arbeits- und Führungskräfte am Auslandsstandort "schlug in den untersuchten Fällen mit bis zu 9,5 Prozent der Gesamtkosten zu Buche".

Material- und Energiekosten im Ausland "oft höher"

Hinzu komme, dass im Stammwerk erzielbare Produktivitätsfortschritte bei Standortvergleichen häufig außen vor blieben. Dabei könnten "an den deutschen Standorten immer wieder relevante Produktionspotenziale von 15 bis 30 Prozent geborgen werden", so die Wissenschaftler.

Bemerkenswert ist schließlich die Aussage des Instituts, dass Material- und Energiekosten nach Angaben der befragten Automobilzulieferer im Ausland "oft höher" seien als in Deutschland. Meist wird in Deutschland die These kolportiert, die Industriestrompreise seien weit höher als die im Ausland.