In der DDR offenbar nicht mehr Kindestötungen als in der BRD

Statistik & Dunkelziffern

Kinder in der DDR waren offenbar nicht häufiger Opfer von Mord und Totschlag als ihre Altersgenossen in der Bundesrepublik Deutschland (BRD). Das soll aus Zahlen des Statistischen Bundesamtes für das Jahr 1986 hervorgehen. Danach war der Anteil von Gewaltopfern unter den Ein- bis Neunjährigen in Ost und West offenbar nahezu gleich. In der Gruppe der Kinder von unter einem Jahr sei die Häufigkeit der Todesfälle in der DDR zwar höher gelegen. Die Ursache dafür soll jedoch in genaueren Untersuchungen aller Todesfälle bei Kindern und Jugendlichen in der DDR liegen.

Der Direktor des Institut für Rechtsmedizin an der Universität Leipzig, Werner Johann Kleemann, sagte: "In der DDR mussten alle tot aufgefundenen Kinder unter 16 Jahren obduziert werden. Dort dürften Tötungsdelikte zu 99 Prozent entdeckt worden sein. Das war im Westen nicht so." Fachleute gehen deshalb davon aus, dass die Dunkelziffer in der Bundesrepublik deutlich höher war als in der DDR.

Schönbohm und Pfeiffer: höhere Gewaltbereitschaft gegenüber Kindern

Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm hatte den Ostdeutschen nach Bekanntwerden der neunfachen Kindertötung von Brieskow-Finkenheerd eine höhere Gewaltbereitschaft gegenüber Kindern unterstellt. Grund war für ihn unter anderem eine "Proletarisierung" der Bevölkerung im Osten durch das SED-Regime.

Der Hannoveraner Kriminologe Christian Pfeiffer hatte Schönbohm im Kern zugestimmt und gesagte: "Es hat diese Verarmung, diese geistige Verelendung unter Hochhausexistenzen gegeben." Er verwies auf eigene Studien zu den Jahren 1995 bis 2004, nach denen im Osten Kinder zwischen null und sechs Jahren bis zu dreimal häufiger von den eigenen Eltern getötet worden seien als in den alten Bundesländern.

Die These einer höheren Gewaltbereitschaft im Osten als Erbe der DDR soll sich auf Basis der amtlichen Statistiken kaum halten lassen. So wurden im Jahr 1986 in den alten Bundesländern bei den Ein- bis Vierjährigen insgesamt 23 Kinder Opfer tödlicher Gewalt. Auf 100.000 Kinder dieser Jahrgänge entfielen damit statistisch 0,97 Fälle. Im Osten gab es im gleichen Jahr acht Opfer und damit "nur" eine Quote von 0,88. Auch in der Altersgruppe der Fünf- bis Neunjährigen gab es kaum Unterschiede (West: 0,72/Ost: 0,88). Bezogen auf alle Kinder bis zu neun Jahren ergibt sich für den Westen eine Fallquote von 1,2, für den Osten von 1,52.

Wissenschaftler: "Die Realität geben die Zahlen sowieso nicht wieder"

"Das sind alles keine bedeutsamen Unterschiede", meint der Kriminologe Thomas Feltes von der Ruhr-Universität Bochum. Bei etlichen Delikten würden statistisch erfasste Daten - vor allem, wenn es sich um niedrige Absolutzahlen handelt - zwischen einzelnen Jahren um bis zu 30 Prozent voneinander abweichen. "Und die Realität geben diese statistischen Daten sowieso nicht wieder, weil das Dunkelfeld sehr groß ist und die Behörden bei der Erfassung der Daten oftmals ungenau arbeiten", sagte Feltes. "Diese Unterschiede zwischen Ost und West liegen innerhalb normaler statistischer Schwankungsbreiten."

Eine auf den ersten Blick deutlich erscheinende Differenz zeigt sich bei unter einem Jahr alten Kindern. Hier wurden im Westen 1986 27 Kinder getötet. Damit gab es statistisch 4,3 Opfer je 100.000 Kinder. Im Osten mit 17 Fällen lag die Quote bei 7,7. Dieser Unterschied ist nach Einschätzung von Experten jedoch wenig aussagekräftig. Der Rechtsmediziner Kleemann erinnerte daran, dass in der DDR alle Toten bis zum Alter von 16 obduziert werden mussten.

Nicht so im Westen. "Eine Untersuchung zum Obduktionsverhalten in der alten Bundesrepublik hat ergeben, dass beim plötzlichen Säuglingstod durchschnittlich nur etwa 50 Prozent der Kinder obduziert wurden. Und das, obwohl diese Kinder alle plötzlich und unerwartet gestorben waren", sagte Kleemann. Die Zahl unerkannter Kindstötungen dürfte daher deutlich höher liegen als im Osten.

"Nahezu lückenlose Aufklärung" in der DDR

Wie stark sich in der Vergangenheit die Dunkelziffern in Ost und West unterschieden, haben Ende der 90er-Jahre mehrere Institute in einer Studie über "Tödliche Kindesmisshandlung" (1985 bis 1990) konstatiert. Darin heißt es zur Lage in der DDR: Dort "ließen sich die Fälle tödlicher Kindesmisshandlung nahezu lückenlos aufklären". Es habe nur ein "sehr geringes Dunkelfeld" gegeben.

Für die Bundesrepublik zogen die Autoren den Schluss: Hier "blieb etwa jede 2. tödliche Kindesmisshandlung unentdeckt." Sie erklärten die höhere Zahl der Todesfälle im Osten nicht mit gesellschaftlichen Umständen in der DDR - im Gegenteil. In der Studie gehen sie davon aus, "dass sich bei diesem innerfamiliären Delikt die menschlichen Verhaltensweisen nicht grundsätzlich voneinander unterschieden haben".

"Verunsicherung nach der kapitalistischen Wende"

Der deutschen Politik schrieben die Experten ins Stammbuch: "Angesichts des Dunkelfeldes" müsse die Kompetenz von Ärzten "auf dem Gebiet der Leichenschau verstärkt und die Obduktionsrate erhöht werden".

Für Feltes deutet vieles darauf hin, dass eventuell höhere Zahlen von Tötungsdelikten in den neuen Ländern "das Ergebnis starker sozialer Verwerfungen nach der Wende sind". Dann läge "die Ursache nicht in der Proletarisierung der DDR, sondern in der Verunsicherung nach der kapitalistischen Wende".