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Zahl der Menschen ohne Krankenversicherung gestiegen

"Risiken für gesamte Bevölkerung"

Die Zahl der Menschen ohne Krankenversicherung in Deutschland ist nach einer Studie im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung in den letzten Jahren drastisch gestiegen. Halte die aktuelle Entwicklung an, drohten gesundheitliche Risiken für die Nichtversicherten ebenso wie für die Bevölkerung insgesamt. Zudem verursachten Nichtversicherte mittelfristig möglicherweise sogar überdurchschnittliche Kosten. Der Gesetzgeber müsse der Entwicklung entgegenwirken, beispielsweise durch eine allgemeine Krankenversicherungspflicht.

Anders als etwa in den USA lebe in der Bundesrepublik bislang zwar nur eine kleine Minderheit ohne Krankenversicherungsschutz, so die Gesundheitsökonomen Jürgen Wasem, Stefan Greß und Anke Walendzik von der Universität Duisburg-Essen. Doch sei diese Gruppe zwischen 1995 und 2003 deutlich gewachsen: Von 105.000 auf 188.000 Personen, wie die Forscher auf Basis der derzeit verfügbaren Daten aus dem Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes ermittelten. Die tatsächliche Zahl dürfte nach Einschätzung der Wissenschaftler eher noch höher liegen, da beispielsweise Migranten ohne Aufenthaltsgenehmigung in der Statistik nur selten erfasst seien.

Besonders deutlich gestiegen sei seit 1995 die Zahl der Erwerbstätigen ohne Krankenversicherung. Ihr Anteil an der Gruppe der Nichtversicherten liege mittlerweile bei über 40 Prozent. Darunter seien zahlreiche Selbständige mit kleinem Einkommen sowie geringfügig Beschäftigte, die sich weder über eine gesetzliche noch über eine private Kasse absichern.

Aus Sicht der Forscher ist diese Entwicklung "ein deutliches Indiz" dafür, dass das System der Krankenversicherung nicht mit den Veränderungen in den Erwerbsbiografien Schritt halte. So treffen ältere Beschäftigte, die sich nach einer Arbeitslosigkeit selbständig gemacht und privat versichert hatten, auf hohe gesetzliche Hürden, wenn sie zurück in die gesetzliche Krankenversicherung wechseln wollen. In der Privatkasse sind sie mit hohen, risikobezogenen Prämien konfrontiert. Doch auch die gesetzliche Krankenkasse können sich viele Betroffene nicht leisten: Bei freiwillig Versicherten wie etwa Selbständigen gehen diese von einem imaginären Mindesteinkommen aus. Die Beiträge können dann höher liegen als das komplette Einkommen des Versicherungs-Interessenten. Auch Geschiedene und Ausländer stünden überdurchschnittlich oft ohne Schutz da.

Die sich vergrößernde "Versicherungslücke" sei gefährlich, warnten die Gesundheitsökonomen: So zögerten Nichtversicherte den Gang zum Arzt hinaus, was besonders bei ansteckenden Krankheiten gefährlich sei - für die Nichtversicherten wie für Dritte. Nichtversicherte ließen sich seltener impfen, würden häufiger krank und stürben früher als Versicherte. Außerdem verursachten Kranke ohne Versicherung mittelfristig möglicherweise sogar überdurchschnittliche Kosten, so die Wissenschaftler. Der Grund: Sie nähmen häufiger Notdienste in Anspruch, die keinen Patienten abweisen dürften.

Um zu verhindern, dass der Trend zur Nichtversicherung zunimmt, muss der Gesetzgeber nach Auffassung der Essener Forscher handeln. Ein möglicher Weg sei eine allgemeine Krankenversicherungspflicht nach dem Vorbild der Schweiz oder der Niederlande; Voraussetzung dafür sei allerdings ein einheitliches Versicherungssystem mit einem umfassenden Finanzausgleich.

Wenigstens teilweise ließe sich das Problem ihrer Ansicht nach lösen, wenn der Zugang zur gesetzlichen Krankenversicherung für einzelne Personengruppen, etwa Selbständige mit geringem Einkommen, vorgeschrieben oder erleichtert würde. Parallel dazu könne der Gesetzgeber privaten Krankenversicherern verbieten, Versicherungswillige abzulehnen. Geringverdienern müssten die Privaten dann unabhängig von deren Krankheitsrisiko günstigere Standardtarife anbieten.

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