Grüne fordern Konsequenzen aus Krebsstudie

Krebs und Leukämie um Atomkraftwerke

Die Grünen-Bundestagsfraktion fordert Konsequenzen aus der Studie über gehäufte Krebserkrankungen von Kindern in der Nähe von Atomkraftwerken. Der forschungspolitische Sprecher der Grünen-Fraktion, Hans-Josef Fell, verlangte am 13. Dezember in einer Aktuellen Stunde des Bundestages von den Reaktorbetreibern den Nachweis, dass die Erkrankungen nicht mit dem laufenden Betrieb zusammenhingen. Sollte dies nicht gelingen, müssten die Atommeiler stillgelegt werden. Fell forderte ferner weitere Untersuchungen nach potenziellen Gefahren für Erwachsene.

Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) hatte eine Studie vorgelegt, wonach die Häufigkeit von Krebserkrankungen bei Kindern unter fünf Jahren mit der Nähe zu Standorten von Atomkraftwerken zunimmt. Eine Ursachenklärung war nicht Gegenstand der Untersuchung.

Umwelt-Staatssekretär Müller: Die Strahlenschutz-Grenzwerte müssen überprüft werden

Umwelt-Staatssekretär Michael Müller (SPD) betonte in der Aktuellen Stunde ebenso wie andere Politiker das Vorsorgeprinzip. Außerdem erklärte er, dass die Strahlenschutz-Grenzwerte überprüft werden müssten.

Reinhold Thiel, der als Sprecher der Ulmer Ärzteinitiative die Kinderkrebsstudie vor Jahren mit auf den Weg gebracht hat, begrüßte diese Ankündigung. Damit würden zwei zentrale Forderungen der atomkritischen Ärzteorganisation IPPNW von der Politik aufgegriffen. Der europa- und verfassungsrechtliche Grundsatz der Risikovorsorge bedeute im Klartext: "Im Zweifelsfall für die Opfer und nicht für die wirtschaftlichen Interessen von vier Atomkonzernen", so Thiel.

Auch sei die Ankündigung des Umweltstaatssekretärs erfreulich, dass nun die deutschen Strahlenschutz-Grenzwerte auf den Prüfstand gestellt würden. Denn das Risiko der Radioaktivität werde von den Behörden bislang vermutlich deutlich unterschätzt, so Thiel.

So habe das EU-Forschungsprojekt "Soul" seinem Leiter Dr. Peter Jacob vom GSF Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit zufolge etwa 4mal höhere Strahlenschäden in der Umgebung der russischen Atomwaffenschmiede Majak festgestellt als nach dem Risikomodell, das der deutschen Strahlenschutzverordnung zugrunde liege, zu erwarten wären. Das bedeutet nach Auffassung der IPPNW, "dass die deutschen Strahlenschutzgrenzwerte offensichtlich zu hoch angesetzt sind". Auch sei inzwischen "weitgehend unstrittig, dass es für die gesundheitlichen Auswirkungen von Radioaktivität keinen Schwellenwert" gebe.

Pflugbeil: Andere mögliche Ursachen als die Radioaktivität wurden durch eine zusätzliche Fall-Kontrollstudie ausgeschlossen

Der Strahlenschutz-Experte Sebastian Pflugbeil, der als Mitglied des Expertengremiums die aktuelle Studie des Deutschen Kinderkrebs-Registers in Mainz jahrelang wissenschaftlich begleitete, widersprach der vielfach geäußerten These, die Studie gebe keine Hinweise für einen Kausalzusammen zwischen den radioaktiven Emissionen aus Atomkraftwerken und der erhöhten Krebsrate. Laut Pflugbeil wurde "in einer zusätzlich durchgeführten Fall-Kontrollstudie geprüft, ob sich das Hauptergebnis der Studie, eine signifikante Abstandsabhängigkeit der Risikos, auch durch andere mögliche Einflussfaktoren (Confounder) erklären lässt".

Einen solchen Confounder habe man aber nicht gefunden, so Pflugbeil. "Die Forscher vom Mainzer Kinderkrebsregisters stellten fest, dass lediglich der Abstand zu den Atomkraftwerken signifikante Ergebnisse lieferte", so Pflugbeil. "Wenn man davon ausgeht, dass die radioaktive Belastung ebenso mit der Entfernung abnimmt wie das beobachtete Risiko, liegt der Schluss nahe, dass die Ursache der erhöhten Krebsraten in den radioaktiven Emissionen aus den Atomkraftwerken zu suchen ist."