Atomkraftgegner halten nichts von Laufzeitverlängerungen aus Klimaschutzgründen

"Kohlendioxid-Schleudern"

Nach Auffassung der atomkritischen Ärzteorganisation IPPNW kann man mit Atomenergie und Braunkohlekraftwerken das Klima nicht retten. Als Reaktion auf den Streit bei den Koalitionsverhandlungen um die Laufzeiten der Atomkraftwerke und auf den "Druck", der seitens der Atomindustrie - nicht zuletzt auch mit dem Klimaargument - ausgeübt werde, sagte ein Sprecher der Organisation: "Ginge es der Atomindustrie ernsthaft um den Klimaschutz, dann dürfte sie nicht wie jetzt RWE neue Braunkohle-Großkraftwerke in Nordrhein-Westfalen errichten. Es ist nicht logisch, wenn RWE einerseits zahllose neue Kohlendioxid-Schleudern baut und andererseits vom Klimaschutz redet".

Die IPPNW nahm Bezug auf die am Mittwoch vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) veröffentlichten Studie "Ökonomische Auswirkungen alternativer Laufzeiten von Kernkraftwerken in Deutschland". Darin werden Laufzeitverlängerungen als Maßnahme der Klimavorsorge empfohlen.

Nach Auffassung der IPPNW geht die BDI-Studie am Stand der energie- und klimapolitischen Diskussion vorbei. Stand der in der Klima-Enquete des Deutschen Bundestages parteiübergreifend festgelegten Ziele sei gewesen, dass der Energieverbrauch gesenkt werden müsse und erneuerbare Energien drastisch ausgebaut werden müssten. "Sie werden bis 2050 die Stromerzeugung vollständig übernehmen", schreibt die IPPNW.

Das Denken der Atomindustrie und des BDI sei verhaftet in Braunkohle, Steinkohle, Erdöl, Erdgas und Atomenergie. Mit dieser Strategie werde das klimapolitische Ziel einer Emissionsminderung um 80 Prozent völlig verfehlt, meint die Ärzteorganisation. Der BDI-Vorschlag mit Atomkraftwerkslaufzeiten von 60 Jahren führe nach den Berechnungen in der Studie bei der Stromproduktion bis 2030 lediglich zu Emissionssenkungen von etwa einem Drittel, "wobei diese Reduktionen nicht auf die Atomkraftwerke, sondern vor allem auf effizientere Technologien im fossilen Kraftwerksbereich zurückzuführen" seien. Wie der Neubau ineffizienter fossiler Großkraftwerke durch die Energiewirtschaft zeige, habe aber das BDI-Konzept "mit dem realen Handeln der Stromindustrie nur wenig zu tun".

Auch global betrachtet erweist sich die Atomenergie nach Auffassung der IPPNW "als Klimaflop". Um nur 10 Prozent der fossilen Energie im Jahr 2050 durch Atomstrom zu ersetzen, müssten bis zu 1000 neue Atomkraftwerke gebaut werden. Zur Zeit gebe es weltweit etwa 440 Atomkraftwerke. Ein solcher Ausbau ist für die IPPNW "schlichtweg unrealistisch". Und selbst dann, wenn er möglich wäre, wäre das Klimaproblem völlig ungelöst, schreibt die Organisation. Selbst die Internationale Atomenergie Organisation IAEA gebe zu, dass die Atomenergie überhaupt nicht schnell genug ausgebaut werden könnte, um den Klimawandel zu begrenzen.