Bundeswehr befürchtet Anstieg posttraumatischer Störungen bei Soldaten

Folge des Afghanistan-Einsatzes

Die Bundeswehr befürchtet wegen der immer härteren Bedingungen beim Afghanistan-Einsatz eine gefährliche Zunahme von Psychostress bei den Soldaten. Eine besondere Rolle spielen dabei "Posttraumatische Belastungsstörungen" (PTBS), traumatisierende Erlebnisse im Einsatz, die erst nach Monaten oder Jahren nach der Rückkehr in die Heimat ausbrechen können. "Es ist meist schwer zu erkennen, wenn die Seele blutet", so Psychologen der Bundeswehr. Auslandseinsätze könnten mit ihren schlimmen Erfahrungen "die Seele gefährlich krank machen". Besonders bei PTBS (Post-Traumatic Stress Disorder) leiden die Soldaten unter Angst verbunden mit Schweißausbrüchen, Schlaflosigkeit, Schwermut, Nervenschwäche, zerbrochenen Beziehungen, Vereinsamung, Panikanfällen, Bluthochdruck, Impotenz und sozialem Abstieg.

Eine noch nie aufgetretene Dimension zeigten die Kriegsneurosen im Vietnamkrieg der Amerikaner. Mehr als einer Million US-Veteranen wurde ein PTBS attestiert. Etwa ein Drittel aller US-Soldaten muss sich nach der Rückkehr von Einsätzen im Irak psychologisch behandeln lassen.

Die FDP-Sicherheitsexpertin Elke Hoff fürchtet, dass die Zahl der PTBS-Erkrankungen in der Bundeswehr in den nächsten Jahren stärker zunehmen wird, als dies die Bundesregierung bisher prognostiziert. Schon heute stamme die Masse der Erkrankten aus dem afghanischen ISAF-Kontingent, so dass "ein eindeutiger Zusammenhang zwischen der verschärften Sicherheitslage im Einsatzgebiet und der Anzahl der PTBS-Erkrankungen zu konstatieren ist", so Hoff. Die medizinische Versorgung der Soldaten müsse "endlich den Einsatzrealitäten angepasst werden".

Gerade hat das Einsatzführungskommando, das die Auslandseinsätze der Bundeswehr führt, darauf hingewiesen, dass jährlich bis zu 200 Soldatinnen und Soldaten aus verschiedenen Gründen vorzeitig aus dem Einsatz nach Hause geschickt werden müssen, darunter auch psychisch Kranke. Sie konnten die Gewalt nicht mehr ertragen.

Wenn PTBS-Erkrankte befragt werden, was sie erlebt haben, treten meistens zuerst vegetative Zeichen auf: Ein Gesichtsmuskel flackert, die Stimme wird zittrig. Oder der Patient redet überhaupt nicht mehr und zieht sich ins "PTBS-Schneckenhaus" zurück. Der Erkrankte steckt wieder mitten in der traumatischen Situation.

Der Deutsche Bundeswehrverband macht auf die hohe Dunkelziffer bei den psychischen Erkrankungen der Soldaten aufmerksam. Verbandschef Bernhard Gertz wies darauf hin, dass viele Soldaten ihre Probleme nicht vor den Kameraden oder der Familie zu Hause zugeben wollten, um nicht als "Weicheier" dazustehen. Ein Soldat habe eben "hart zu sein".

Eine statistische Aufarbeitung von PTBS-Fällen im Zusammenhang mit der Teilnahme der Soldaten an Auslandseinsätzen gibt es erst seit 1996. Von diesem Jahr an bis Juni 2007 wurden nach Auslandseinsätzen insgesamt 1647 Soldatinnen und Soldaten wegen einer psychischen Störung sanitätsdienstlich versorgt. Davon wurden 696 Patienten wegen einer PTBS und 951 Patienten wegen einer anderen stressbedingten psychischen Erkrankung ambulant oder stationär untersucht oder behandelt.