Weltweit 42 Atomkraftwerke in Bau und 142 weitere geplant

Statt Ausstieg Verschieben nach Osteuropa

Die Atomenergie steht womöglich vor einem weltweiten Comeback. Wie das Greenpeace Magazin für seine neueste Ausgabe ermittelte, sind insgesamt 42 Atomkraftwerke im Bau und weitere 142 in verschiedenen Stufen der Planung. Etliche der 438 AKWs, die derzeit auf dem ganzen Globus in Betrieb sind, blieben zudem länger am Netz als ursprünglich vorgesehen. Dadurch wachse die Gefahr einer nuklearen Katastrophe. Beispielsweise würde sich nach Angaben des Greenpeace Magazins die Menge hochradioaktiven Atommülls bis 2020 auf 500.000 Tonnen verdoppeln. Aus diesen Abfällen, deren Strahlung über Hundertausende von Jahren für Menschen tödlich ist, ließe sich genug Plutonium für 500.000 Atombomben gewinnen.

Als Motive für eine mögliche nukleare Renaissance nennt das Greenpeace Magazin nationales Prestige, das vor allem in Asien eine Rolle spiele, wo derzeit die meisten AKWs entstünden, sowie strategische Erwägungen. Die so genannte friedliche Nutzung der Atomenergie erleichtere ambitionierten Staaten den Aufstieg zur militärischen Nuklearmacht. Die USA wiederum setzten auf den Ausbau der Atomkraft, um die Abhängigkeit vom Öl aus den Krisenregionen des Nahen Ostens zu verringern.

Rein wirtschaftlich rechneten sich neue AKWs dagegen nicht, sagte der britische Experte Antony Frogatt dem Greenpeace Magazin. Moderne Gaskraftwerke gleicher Leistung ließen sich in einem Drittel der Zeit und zu einem Viertel der Kosten bauen. Über die gesamte Laufzeit betrachtet, sei Gas um zwölf, Kohle immer noch um sechs Prozent billiger als Atom. Um staatliche Subventionen für neue AKWs zu rechtfertigen, schiebe die Atom-Lobby das Argument Klimaschutz in den Vordergrund, obwohl es ökonomisch wie ökologisch klüger sei, die erneuerbaren Energien zu fördern.

Der Greenpeace-Energieexperte Roland Hipp hält es für möglich, dass in Deutschland der Atomstrom-Anteil steigt, selbst wenn hier gar keine neuen AKWs entstünden. Die Strategie der Energiekonzerne ziele längerfristig darauf ab, AKWs in Osteuropa zu nutzen, wo Sicherheitskontrollen laxer, der Widerstand in der Bevölkerung geringer und die Lohnkosten niedriger seien. Von dort werde der Atomstrom dann in die westlichen Verbraucherländer exportiert. "Statt Ausstieg droht uns also ein Ausflaggen der Atomkraft in Staaten mit niedrigerem Sicherheitsstandard", sagte Hipp dem Greenpeace Magazin.