Mögliche Beteiligung der deutschen Atomindustrie an AKW-Neubau in Frankreich

Reaktorsicherheit

Nach einem Bericht der Berliner Zeitung erwägen die deutschen Atomkraftwerksbetreiber RWE, E.ON, EnBW und Vattenfall, sich am Neubau eines Atomkraftwerks in Frankreich zu beteiligen. Der französische Atomkraftwerksbetreiber EdF plant gemeinsam mit den deutschen Konzernen die Errichtung eines sogenannten Europäischen Druckwasser-Reaktors (EPR), einer Reaktorentwicklung der deutschen Siemens AG und der französischen Framatome. Die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW charakterisierte den Europäischen Druckwasserreaktor als "supergroß statt supersicher". Die vorgesehenen Sicherheitssysteme des Reaktors entsprächen nicht dem Stand von Wissenschaft und Technik.

Nach dem Bericht der Berliner Zeitung wollen sich die deutschen Atomkraftwerksbetreiber am 10. November mit Bundeskanzler Schröder treffen, um über die künftige Atomenergie-Politik zu sprechen. "Nachdem die Betreiber der Bundesregierung bereits eine Bestandsgarantie für die laufenden Atomkraftwerke und neue Zwischenlager abgerungen haben, könnte es jetzt um die politische Unterstüzung für die Errichtung eines so genannten Europäischen Druckwasserreaktors (EPR) in Frankreich gehen", vermutet die IPPNW.

Bestrebungen zum Bau eines Europäischen Druckwasser-Reaktors gibt es nicht nur in Frankreich. In Finnland soll der Atomkraftwerksbetreiber TVO inzwischen Verhandlungen mit der Framatome Advanced Nuclear Power (FANP) für die Errichtung eines solchen Atomkraftwerks aufgenommen haben. Siemens ist an der FANP zu einem Drittel beteiligt.

Der Europäische Druckwasser-Reaktor ist nach Einschätzung der IPPNW alles andere als ein supersicheres Atomkraftwerk. Schon die gewaltige elektrische Leistung von 1600 Megawatt stelle eine Abkehr von der einst geforderten "inhärenten Sicherheit" dar. Andere "fortschrittliche Reaktorkonzepte" wiesen aus Sicherheitsgründen meist nur eine Leistung von 600 Megawatt auf. Doch um die Stromkosten nicht völlig ausufern zu lassen, setze man bei Siemens und Framatome "mehr auf supergroß als auf supersicher".

Auch über den heute geforderten Einsatz von überwiegend passiven Sicherheitssystemen setzte man sich nach Angaben der IPPNW bei Siemens und Framatome hinweg. "Man blieb bei Sicherheitssystemen mit störanfälligen Armaturen und Pumpen mit Motorantrieb, die bei einem Ausfall der Stromversorgung versagen."

Die wesentliche Neuentwicklung des Europäischen Druckwasser-Reaktors ist ein Auffangbecken, in das - im Falle einer Kernschmelze - diese abfließen und gekühlt werden soll. Die IPPNW hält auch dieses zentrale Sicherheitssystem für nicht überzeugend. Einerseits müsse das Becken absolut trocken sein, wenn sich die Schmelze darin ausbreiten soll, weil es sonst zu gefährlichen Dampfexplosionen kommen könne. Andererseits müsse zur Kühlung der Kernschmelze diese anschließend gezielt mit Wasser bedeckt werden, "was aber die gefürchteten Dampfexplosionen geradezu herbeiführen kann".

Selbst Siemens-Framatome-Manager Ulrich Fischer habe - so die IPPNW - auf einem Workshop zum Europäischen Druckwasserrekator 1997 in Kiel zugegeben, dass zentrale Sicherheitsprobleme des Reaktors noch nicht gelöst seien.

Abgesehen von den Sicherheitsproblemen des neuen Atommeilers entlarvt dieser nach Auffassung der IPPNW zudem einen zentralen Konstruktionsfehler der derzeit in Deutschland betriebenen Atomkraftwerke. Der Europäischen Druckwasserrekator soll nämlich eine doppelwandige Betonhülle erhalten "und insofern an den internationalen Stand der Technik herangeführt werden". Die derzeit in Deutschland betriebenen Atomkraftwerke verfügen hingegen über eine Sicherheitshülle aus Stahl.

Diese Stahlhüllen - so zeige ein 1997 veröffentlichter internationaler Vergleich der OECD - hielten den bei einer Kernschmelze auftretenden Drücken nicht stand - im Gegensatz zu den Betonhüllen, wie sie im Ausland verbreitet sind.

"Es zeigt sich", so die IPPNW, "dass die laufenden deutschen Atomkraftwerke nicht mehr dem Stand von Wissenschaft und Technik entsprechen, dass aber andererseits auch der Europäische Druckwasserreaktor nicht wie behauptet 'absolut sicher' sein kann."